Als am Kirchweihsonntag 1904 Schreinermeister Josef Kurz unsere heutige Musikkapelle gründete, konnte Oberaudorf bereits auf eine jahrhundertealte Musiktradition zurückblicken.
Erste urkundliche Aufzeichnungen über Blasmusik in Oberaudorf lassen sich an Hand alter Kirchenrechnungen bis
ins Jahr 1710 zurückverfolgen.
Öffentliches Musizieren, vor allem das Aufspielen zum Tanz bedurfte damals der Erlaubnis und Bestätigung des herzoglichen Pflegers auf der Auerburg.
AIs 1747 eine Regierungsanfrage nach den Musikanten im Pfleggericht Auerburg erging, wurden ein Georg Troger, seine Söhne, ein Franz Egger, ein Hans Ohnkürchner vom Großen Berg und ein Bartlme Rechenauer vom Kleinen Audorfer Berg genannt.
Georg Troger war Maler und Berufsmusikant. Seine Kapelle spielte nicht nur in Oberaudorf auf, sondern wurde auch vielfach nach auswärts zu Einsätzen gerufen.
Die Trogersche Musikkapelle bestand unter den Enkeln des Gründers bis ins Jahr 1802.
Sogar während der unruhigen napoleonischen Zeit zwischen 1809 und 1815 werden Audorfer Musikanten nicht nur gelegentlich bei Prozessionen erwähnt.
Jedes Jahr lassen sie im November ein Amt lesen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Oberaudorf dank der Anbindung durch die neu erbaute Eisenbahn vom königlichen Haus, vom Adel, Künstlern, Malern, Musikern und Poeten als gern besuchtes Ausflugsziel entdeckt. Schriftsteller wie Ludwig Steub, priesen in ihren Veröffentlichungen die Schönheit des Inntals und trugen somit maßgeblich zum Beginn des Fremdenverkehrswesens auch in Oberaudorf bei.
Diese Zeit, vor allem nach dem erfolgreichen Krief 1870/71 führte als sogenannte Gründerzeit zu zahlreichen Vereingründungen und auch die Blechmusikanten wollten in der vaterländischen Begeisterung nicht nachstehen
In den neunziger Jahren bestanden in Oberaudorf sogar zwei Blaskapellen gleichzeitig.
Der Maurermeister Martin Kloo, ein Bruder des Krandlbauern, leitete bereits seit 1873 eine 10 Mann starke Musikkapelle.
Der aus Strobl am Wolfgangsee zugezogene Oberförster Wilhelm Buchwald gründete 1894 eine weitere Kapelle in Oberaudorf.
Die letztere ist auch noch aktiv, als unsere heutige Musikkapelle 1904 gegründet wurde.
Josef Kurz und seine Musikanten stammten aus den Bauernfamilien am Kleinen
Audorfer Berg.
Alle waren Mitglieder im katholischen Burschenverein "Edelweiß" und so nannte sich die Kapelle "Bauernburschenvereinsmusik Edelweiß".
Bevor die Kapelle ihre Tätigkeit aufnahm, gingen alle Mitglieder zur Beichte und zur Kommunion, um den Segen Gottes für dieses Unternehmen zu erbitten. Die Proben wurden in Vordergrub abgehalten und zu Ostern 1905 hatte man im Kloster Reisach auf dem Chor den ersten öffentlichen Auftritt. Es folgten sehr bald Einsätze auch bei anderen Ortsvereinen, so z. B. bei den Jahrtagen des Veteranen- und Kriegervereins. Im Juli 1911 fand am Luegsteinsee ein Seefest statt. Die Musikkapelle Edelweiß zog an der Spitze des Festzuges von der Ortsmitte zum See und wirkte auch im reichhaltigen Festprogramm mit. Auch bei den jedes Jahr festlich begangenen Feiern anlässlich des Geburtstages seiner Königlichen Hoheit, des Prinzregenten Luitpold, stellten Kurz und seine jungen Musikanten die Festmusik. 1914 traten der Glaser Josef März und der Sattlermeisterssohn Hans Stengel in unsere Kapelle ein. Beide sollten in den kommenden Jahrzehnten noch eine maßgebliche Rolle im Musik- und Kulturleben von Oberaudorf spielen.
Während des 1. Weltkrieges ließen auch die örtlichen Vereinstätigkeiten stark nach. Kapellmeister Josef Kurz wurde 1915 zu den Waffen gerufen. In seiner Abwesenheit hatte Johann Waller aus Oberdörfl die nur spärlichen Einsätze der Kapelle geleitet. Nach dem Kriegsende waren es dann die jungen Feldzugteilnehmer Josef März, Hans Stengel, Martin Baumann, Sepp Reidl u.a., die dem kulturellen Leben im Ort wieder neuen Aufschwung gaben. Es war eine schlimme Zeit damals und die Bevölkerung litt sehr unter den Nachwirkungen des verlorenen Krieges. Trotzdem, oder gerade deshalb, taten sich die Männer wieder zusammen und begannen zu musizieren, zu singen und Theater zu spielen. Neue Instrumente mussten beschafft werden, die von den Musikern oft nur unter großen Opfern selbst gekauft werden mussten. 1920 übergab Kapellmeister Kurz den Dirigentenstab an Simon Rechenauer, Hofwirt in Oberaudorf. Ab Sommer 1921 wurden die bei Einheimischen und Sommergästen so beliebten Standkonzerte und Abendunterhaltungen im Lambacher Sommerkeller wieder durchgeführt. Der Chronist berichtet in den zwanziger Jahren über eine rege Teilnahme der Musikkapelle am örtlichen Vereinsleben, von Glockenweihen, Primizfeiern, Konzerten, Vereinsfesten bis hin zur musikalischen Umrahmung der Inngau Sprunglaufmeisterschaften auf der Kahlanger Schanze.
Seit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahre 1933 wurde auch die Musikkapelle Oberaudorf immer wieder zu örtlichen Parteiveranstaltungen und Fackelzügen herangezogen. Voll Zuversicht blickten die meisten damals noch zum neuen Führer empor, von dem man sich die Verbesserung der misslichen Lebensumstände erhoffte. Mit Zügen trafen viele Reisegruppen der NS - Bewegung ,,Kraft durch Freude” im Oberaudorfer Bahnhof ein und wurden unter Musikbegleitung ins Dorf geleitet, wo sie dann abends mit Brauchtumsabenden unterhalten wurden.
1935 übernahm Georg Bichler aus Unterdörfl für ein Jahr die Leitung der Kapelle und ab 1936 der zugezogene Kammermusiker Emil Mädel. Fast ausgestorben fand man am 2. Mai 1938 die Orte entlang der Bahnstrecke Rosenheim - Kufstein. Parteigliederungen, Vereinsabordnungen, Musikkapellen und Bevölkerung fanden sich in den Bahnhöfen ein, um dem Führer Adolf Hitler im vorbeifahrenden Zug zuzuwinken. Dieser war nach Italien unterwegs, um mit Mussolini die Achse Berlin-Rom zu festigen und, wie sich bald herausstellen sollte, Kiegspläne zu schmieden.
Bei Ausbruch des 2.Weltkrieges mussten bereits am ersten Mobilmachungstag mehrere Mitglieder der Musikkapelle einrücken
und bald sollten noch viele folgen. Als sich nun wegen Kräftemangels die Musikkapellen aufzulösen drohten, ergriff Glasermeister Josef März die Initiative und stellte aus den verbliebenen, vorwiegend
älteren Musikern der umliegenden Kapellen eine spielfähige Truppe zusammen. Ihm war vor allem daran gelegen, die Heldengottesdienste für die gefallenen Soldaten mit Musikbegleitung würdig zu
umrahmen. Allein im Jahre 1944 fanden in der Oberaudorfer Pfarrkirche 30 dieser Gedenkfeiern statt. Trotz des anfänglichen Siegeszuges der Wehrmacht stand der Bevölkerung der Sinn nicht mehr nach
Feiern und Festlichkeiten, so dass der Chronist von nur wenigen außerkirchlichen Einsätzen der Musikkapelle während der Kriegsjahre zu berichten weiß.
Als der Krieg dann endlich zu Ende war, hatte Josef März schon bald wieder aus heimkehrenden und jungen Musikern eine 28 Mann starke Kapelle zusammengefasst. Mit der ihm eigenen
Durchsetzungsfreudigkeit, mit ausgeprägtem Idealismus und Organisationstalent führte März die Kapelle. Er war auch der Hauptverantwortliche, als 1954 das 50jährige Jubiläum unserer Kapelle in großem
Rahmen begangen wurde. Er war Mitbegründer der Musikbundes von Ober- und Niederbayern und stets treibende Kraft im örtlichen Kulturleben.
Nach 20 Jahren im Kapellmeisteramt übergab März 1959 den Dirigentenstab an Bruno Brauhardt. Er war seit 1948 in der Kapelle und vor seiner Anstellung in der Gemeinde Berufsmusiker gewesen. Er
beherrschte in ausgezeichneter Weise verschiedene Blas- und Streichinstrumente und verstand es, mit seinem Können die ganze Kapelle mitzureissen.
Unschätzbare Verdienste erwarb sich Brauhardt auch in der Ausbildung des jungen Musiknachwuchses. Noch heute zehrt die Kapelle von seiner nachhaltigen Tätigkeit, in die er so viele Stunden seiner Freizeit investiert hatte. Unter Brauhardt wurde 1964 das erste Bezirksmusikfest in Oberaudorf im Rahmen des 60. Gründungsjubiläums durchgeführt. Während seiner Kapellmeistertätigkeit erfolgte auch die Gründung des Musikunterstützungsvereins und die Einweihung der neuen Kuranlage mit neuerrichtetem Pavillon. 1970 musste Hans Kraus wegen einer plötzlichen Herzerkrankung Brauhardts von einem Tag auf den anderen das Kapellmeisteramt übernehmen. Doch Kraus war als Vollblutmusikant dieser schwierigen Aufgabe bestens gewachsen und führte die Kapelle bis 1979.
1979 übernahm Ludwig Resch die Leitung der Kapelle. Er war ein Schüler von Sepp Rieser - und ausgebildeter Militärmusiker. Auch ihm lag die Ausbildung des Musikantennachwuchses sehr am Herzen. Auftritte in Rundfunkveranstaltungen wie z.B. in Donauwörth, eine halbstündige Sendung über unsere Kapelle im Bayerischen Fernsehen oder die Teilnahme an der "Sail" in Bremerhaven gingen auf seine Initiative zurück.
1993 hatte dann unser 1. Trompeter Toni Kurz die Führung der Kapelle übernommen. Auch er ist ausgebildeter
Militärmusiker und schon seit frühen Jahren als exzellenter Trompetensolist eine tragende Säule der Kapelle.
Von 2001 bis 2010 war Benno Stigloher unser Kapellmeister. Als langjähriger Posaunist, musikalischer Allrounder und diplomierter Landwirt brachte er beste Voraussetzungen mit.
Seit 2010 ist Sebastian Baumann unser Dirigent.
Zum Schluss gilt unser besonderer Dank unserem Ehrenmitglied Josef Obermayer sen. Im Hause Obermayer wird seit
Generationen mit viel Liebe zur Heimat und professionellem Sachverstand Chronistendienst verrichtet. Mit seinem umfangreichen und bis ins Mittelalter zurückblickenden Werk ,, Musikleben in
Oberaudorf” hat uns Josef Obermayer einen unschätzbaren Fundus übergeben, um den wir von vielen beneidet werden.
Fortsetzung folgt...